Der Montessoriansatz

 

 

"Die Haltung unserer Erzieherist nicht die phantastischer Optimisten,icht die ptimisten,
sondern es ist die Haltung der Liebe.
Ein Mensch, der nicht liebt, sieht nur die Fehler bei den anderen, der liebt,
sieht sie nicht und darum sagt man, Liebe mache blind.
Doch nur wer liebt, ist ein wirklich Sehender, und nur er kann die zarten
Offenbarungen des Kindes sehen und verstehen und vor ihm wird ein Kind
seine wahre Natur offenbaren."

Diese Zeilen schrieb Maria Montessori zu den Grundlagen ihrer Pädagogik.

Die Montessoripädagogik respektiert die Kinder als eigenständige
Persönlichkeiten. Der traditionelle Ansatz der Maria Montessori basiert auf
den zu ihrer Zeit verheerenden Lebensbedingungen vieler Kinder, die als
Arbeiter mißbraucht wurden und auf der Straße aufwuchsen. Diese Kinder
hatten viele Möglichkeiten ihre Nahsinne zu entwickeln, aber es fehlte ihnen
an Anregungen für Geist und Seele. Die Kinder damals brauchten Material
mit dem sie spielen und arbeiten konnten, es fehlte an Liebe und Respekt.

Maria Montessori nahm sich dieser Problematik an und entwickelte ihre
soziale und gesellschaftliche Hürden überwindende Pädagogik.

Sie entwickelte eigenes Montessorimaterial und eröffnete Schulen für be-
hinderte und nichtbehinderte Kinder. Maria Montessori hat zahlreiche Vorträge
und Bücher hinterlassen. In unserer Gemeinschaft handeln wir aus der
Haltung der Liebe heraus und setzen so den Weg der Maria Montessori fort.


Ein Vortrag von Ulrike Schümann

über Maria Montessori

im Kinderhaus-Kinderspiel (Dezember 2000)

 

Maria Montessori wurde 1870 als einziges Kind einer wohlhabenden Familie in Italien geboren.

1890 hat sie angefangen, Mathematik und Naturwissenschaften in Rom zu studieren und musste zwei Jahre später darum kämpfen, als erste Frau zum Medizinstudium zugelassen zu werden.

1896 schreibt sie ihre Doktorarbeit über ein psychiatrisches Thema, wird in der Frauenbewegung aktiv und beginnt, sich mit der Literatur über behinderte Kinder auseinander zu setzen. Sie kommt zu der Überzeugung, dass diesen Kindern auch durch Erziehung und nicht nur durch medizinische Betreuung geholfen werden kann. Sie besucht Vorlesungen der Pädagogik, schließt das Studium ab, studiert noch Philosophie, eröffnet eine Arztpraxis; hält viele Vorlesungen und Vorträge, in denen sie ihr medizinisches, anthropologisches, psychiatrisches und pädagogisches Wissen vereinigt.

1900 eröffnen sie ihre erste Schule für geistig behinderte Kinder. Sie hat u.a. unter Mithilfe des itardschen und seguinschen Materials, dass heute in erweiteter Form als Montessori Material bekannt ist, sensationelle Lernerfolge.

1907 eröffnet sie ihre erste Schule für nichtbehinderte Kinder. Im Laufe der Zeit werden immer mehr Montessori-Schulen und Kinderhäuser eröffnet, sie erweitert das Montessori Material in mühevoller Klein- und Handarbeit und hält viele Vorträge im In- und Ausland. I910 gibt sie ihre Arztpraxis auf und widmet sich ganz der Pädagogik.  Maria Montessori entzweit sich 1934 mit Mussolini, der ihre Arbeit jahrelang unterstützt hat. Daraufhin werden ihre Schulen in Italien geschlossen. Sie geht dann nach England und verbringt die Jahre des zweiten Weltkrieges in Indien, wo sie mit ihrem Sohn Mario über 1000 Lehrer ausbildet.

Maria Montessori stirbt 1952 in Holland . Sie hat bis zum Schluss viele Vorträge gehalten und einige Bücher geschrieben.

Maria Montessori hat zu den Grundlagen in ihrer Pädagogik geschrieben:

"Die Haltung unserer Erzieher ist nicht die phantastischer Optimisten, sondern es ist die Haltung der Liebe. Ein Mensch, der nicht liebt, sieht nur die Fehler bei den anderen, der liebt, sieht sie nicht und darum sagt man, Liebe mache blind. Doch nur wer liebt, ist ein wirklich sehender, und nur er kann die zarten Offenbarungen des Kindes sehen und verstehen und vor ihm wird ein Kind seine wahre Natur zeigen."

Diese Grundhaltung ist nach wie vor stimmig. Maria Montessori hat als erste Pädagogin die Würde des Kindes respektiert, die Kinder nicht als billige Arbeitskräfte; sondern als eigenständige Persönlichkeit erkannt. Dabei war es ihr egal, wie jung ein Kind oder wie intelligent, begabt, arm, reich oder gesund es war.

Man muss aber auch bedenken, dass Maria Montessori vor über 54 Jahren gearbeitet und gewirkt hat, dass die Kinder damals andere Bedürfnisse hatten, als unsere es heute haben. Diese Kinder hatten viele Möglichkeiten ihre Nahsinne in allen Formen zu bilden und sich entwickeln zu lassen. Sie hungerten aber nach Anregungen für Geist und Seele, sie brauchten Material, mit dem sie spielen und arbeiten konnten, sie brauchten Liebe und Respekt, damit Geist, Körper und Seele sich angemessen entfalten konnten.

Unseren Kindern heute fehlt es häufig nicht an Material, Liebe oder Respekt, es fehlt ihnen an Möglichkeiten, ihre Nahsinne, d. h. ihre Wahrnehmungsorgane wie z.B.: Haut, Gleichgewicht, Gehör, Augen usw. zu entwickeln und zu schulen. Viele Kinder können in ganz frühem Alter: Computer, Gameboy und Fernseher bedienen, sind aber oftmals nicht in der Lage, barfuss über die Wiese zu gehen, zu schaukeln, sich mit Matsch o.ä. zu beschmieren, Geschichten anzuhören oder sich einfach "nur" zu entscheiden, was sie jetzt tun möchten und mit wem sie es tun möchten!

 

Wir "Großen" im Kinderhaus verstehen uns als vorbereitete Begleiter eurer Kinder, nicht als Animateure. Es steht ein großes Haus mit Garten zur Verfügung; die Räume werden von qualifiziertem Fachpersonal vorbereitet, d.h. Spielzeug, Bastelmaterial, Bücher etc. liegen für die Kinder bereit, und wir begleiten sie in ihrem Tun und achten darauf, dass die Regeln eingehalten werden!

Es werden von uns Angebote gemacht, um den Horizont der Möglichkeiten für die Kinder zu erweitern und die Kinder, die mehr Begleitung brauchen, "anzustupsen".

Den weit größeren Teil der Zeit nimmt allerdings das Freispiel ein. Die Kinder sollen so früh wie möglich, warm in ein Gerüst aus Tagesstruktur und Regeln gebettet, lernen, in sich hineinzuhorchen, was und mit wem sie etwas tun möchten, in welchem Raum und mit welcher Begleitung. Sie sollen ihre Bedürfnisse erspüren, ihre Stärken und Schwächen wahrnehmen, Konflikte mit sich oder anderen verbal lösen lernen und sollen vor allen Dingen mit dem Selbstverständnis aufwachsen, dass hier alle ganz unterschiedlich und doch ganz und gar willkommen sind.

Pädagogischer Hintergrund für die verschiedenen Möglichkeiten der Beschäftigung ist unsere Überzeugung, dass das Kind verschiedene, individuelle, sensible Perioden durchläuft und das Kind am allerbesten weiß, welche Beschäftigung seinen Entwicklungsprozess unterstützt. Wichtig dafür ist, dass das Material (Spielzeug) in strukturierter, übersichtlicher Form zur Verfügung steht, daher unsere Regeln der Ordnung, die besagen, dass erst weggeräumt werden muss, bevor etwas Neues begonnen wird, und dass jedes Material in seinem Raum bleibt. In diesen sensiblen Perioden (Montessori nennt es "den verborgenen Bauplan") kann das Kind fast mühelos, schnell und ganzheitlich auffassen, was es sonst, in der dafür nicht "natürlichen" Zeit, schwer erarbeiten muss.

Die "Freie Wahl der Tätigkeit" funktioniert nur, wenn das Kind sich emotional sicher fühlt, wenn es angekommen ist, wenn es hier im Kinderhaus erfahren und begriffen hat, dass es Willkommen ist, dass seine Persönlichkeit mit ihren Eigenarten angenommen wird. Was allerdings nicht zur Folge haben kann, dass es tun kann, was es will. Hier unterscheiden wir zwischen "Sein" und "Tun".

Das " Sein", also die Persönlichkeit bleibt unangetastet, das "Tun" muss sich innerhalb unserer Regeln und Grenzen bewegen. Eine ganz wichtige Regel hier im Kinderhaus ist: Wir tun uns hier nicht weh, nicht mit Worten und nicht mit Taten.

Die Arbeit mit den Kindern hat sich in den letzten Jahren verändert. Es sind wesentlich mehr Kinder im Kinderhaus. Wir haben im alten Kinderhaus mit 12 Kindern angefangen und sind jetzt, alles in allem bei ca. 70 Kindern (mit Hort).

Die Altersstruktur hat sich ebenfalls verändert. Wir haben 30-40 Kinder, die über sechs Jahre alt sind, schon allein fast 20 Schüler.

Wir haben auch immer mehr Kinder, die es aus den verschiedensten Gründen schwerer haben als andere Kinder. Kinder, die psychische, soziale und/oder Wahrnehmungsprobleme haben. Diese Kinder werden beim Hineinhorchen in sich, beim Herausfindenden eigener Bedürfnisse so sehr gestört, dass sie gar nicht die Möglichkeit haben, sich frei zu entscheiden, weil sie nicht frei sind, emotional schwer verunsichert und oftmals auch schon sehr verletzt.

Diese Kinder brauchen intensive Begleitung, brauchen wesentlich klarere Regeln und Grenzen, da sie sich selbst kaum spüren. Diese Kinder werden von uns an die Hand genommen, in die Beschäftigung begleitet und u.U. werden Fachkräfte (Sozialarbeiter vom Jugendamt, Heilpädagogen, Lehrer, Mitarbeiter der Erziehungsberatungsstellen oder Ergotherapeuten) hinzugezogen, damit wir das Kind da abholen können, wo es ist und es möglichst ganzheitlich fördern können.

Das Ziel ist, auch diesen Kindern irgendwann zu ermöglichen, den Zugang zu ihrem Inneren zu finden, die Vielfältigkeit ihrer Persönlichkeit ungestört ausleben zu können (natürlich im Rahmen unserer Regeln und Grenzen).

 

Diese Haltung basiert auf dem Montessori-Prinzip "Hilf mir, es selbst zu tun". Es ist wichtig, Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen. Selbständige Kinder sind selbstbewusste Kinder.

Es ist immer wieder eine Gradwanderung für den Erzieher/Begleiter, zu erkennen, kann oder will dieses Kind nicht, ist es in Not oder ist der Rückzug freiwillig. Es ist immer wieder eine Herausforderung, der Versuchung zu widerstehen, helfend einzugreifen, sondern in Ruhe, mit Geduld und Respekt abzuwarten, das Kind kommen und ihm seinen  eigenen Rhythmus zu lassen.

Das Montessori-Material ist ein Baustein für die Montessori-Erziehung in unserem Kinderhaus. Das Material soll den Kindern helfen, handfeste Erfahrungen zu machen, d.h. es werden alle Sinne einbezogen. Die Kinder haben die Möglichkeit, etwas wirklich zu begreifen. Maria Montessori hat dieses Material bewusst in Form- und Farbwahl so hergestellt, den geistigen Anforderungen entsprechend. Es ist faszinierend, dass z.B. der rosa Turm in Form- und Farbwahl immer noch ganz stimmig ist, speziell die jüngeren Kinder anspricht und unsere kleinen Kinder sich immer noch von der Farbe rosa angesprochen fühlen.

Das Kinderhaus besteht aber aus vielen Bausteinen. Dem Material, der vorbereiteten Umgebung, dem respektvollen Umgang mit sich selbst und den anderen, den Grenzen und Regeln, die den Rahmen für die Freiräume bilden, die den Einzelnen und die Gemeinschaft schützen.

Ein weiterer Baustein ist die Elternarbeit. Wir wollen mit euch sprechen. Über eure Kinder, eure Wünsche an uns. Wir wollen euch beraten, euch, u.U. an andere Fachkräfte verweisen, frei nach dem Motto: Starke Eltern, starke Kinder. Um eine optimale Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist aber Offenheit und Vertrauen nötig. Es ist nötig, Fragen zu klären, Dinge, die einen beunruhigen oder beschäftigen im Gespräch versuchen zu klären.

Unser Kinderhaus, gebaut aus mehreren Bausteinen, wird gefüllt mit euren Kindern, die alle sehr unterschiedlich sind, mit unterschiedlichen Bedürfnissen, mit ganz unterschiedlichen Stärken und Schwächen, und jedes Einzelne ist uns in seiner wunderbaren Einzigartigkeit sehr Willkommen.

Es ist aber natürlich immer wieder eine Herausforderung jedes Kind adäquat zu begleiten, allen Bedürfnissen gerecht zu werden, den Kontakt zu den Eltern herzustellen und zu erhalten. Es ist daher sehr notwendig das Miteinander im Team lebendig zu erhalten, im Gespräch zu sein, Beobachtungen auszutauschen, sich selbst und seine Arbeit zu reflektieren. Diese intensive Auseinandersetzung mit sich selbst ist eine hohe Anforderung, die Auseinandersetzung mit den Kollegen, Eltern und Kindern nicht immer einfach.

Montessori ist für mich eine Lebensphilosophie; ein ganzheitliches Leben und Arbeiten. Es ist mir ein Selbstverständnis, respektvoll auf meine Mitmenschen zuzugehen, unabhängig von Alter und Funktion, ob dienstlich oder privat. Ich leite dieses Kinderhaus mit allen seinen schönen Seiten, aber auch mit allen seinen Schwierigkeiten und ich tue es jeden Tag wieder gerne. Es ist manchmal sehr viel zu tun, aber es gibt für mich eine ganz klare Reihenfolge in meiner Arbeit. Zu Zeiten in denen das Kinderhaus geöffnet hat, haben die Menschen im Kinderhaus Vorrang, d.h. ich bin für Kinder, Eltern und Mitarbeiter immer zu sprechen. Die Geschäftsführung kann auch außerhalb der Öffnungszeiten gemacht werden. Ich bin aber darauf angewiesen, dass ihr mit euren Fragen, Sorgen und Nöten zu mir kommt und mich ansprecht. Auch wenn ich im Büro beschäftigt bin, bin ich gesprächsbereit. Nur konstruktive Kritik, aufmerksam machen, Wünsche äußern können etwas verändern und genauso selbstverständlich wie es für mich sehr stimmt, hier zu sein, genauso selbstverständlich ist es möglich, dass es für jemand nicht stimmt.

Der respektvolle Umgang, das menschliche Miteinander ist das Fundament, auf dem die Bausteine, die das Kinderhaus ausmachen, stehen und es sicher im Interesse von uns allen, wenn dieses Fundament möglichst stabil ist, d.h. wir miteinander verbunden sind. Die Regeln für die Kinder gelten für uns alle, d.h. Respekt vor dem Mitmenschen, vor der Persönlichkeit des Gegenübers, "Fehlverhalten" muss sachlich angesprochen werden. Ich möchte diesen Einblick in mein Verständnis von Montessori mit Worten von Maria Montessori schließen: "Der Erfolg hängt vom Selbstvertrauen ab, von der Kenntnis seiner eigenen Fähigkeiten und deren vielerlei Anwendungsmöglichkeiten. Das Bewusstsein seiner eigenen Nützlichkeit und das Gefühl, dass man der Menschheit durch vielerlei Mittel helfen kann, erfüllen das Herz mit einem edlen Vertrauen, mit einer beinah religiösen Würde. Aber das Gefühl der Unabhängigkeit, das daraus hervorgeht, muss aus der Geschicklichkeit, sich selbst zu genügen, geboren werden und nicht aus der vagen Freiheit, die man der gnädigen und großzügigen Hilfe der Erwachsenen verdankt."

 

Von

Ulrike Schümann

 

 

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